1870-1945
Politikerin
Chemnitz

1919 gehörte die Sozialdemokratin Helene Wagner zu den ersten Frauen, die in die Sächsische Volkskammer gewählt wurden. Als erstes weibliches Mitglied des Landesparlaments hielt sie dort am 4. März eine Rede.
Clara Marie Helene Wagner wurde am 17. Juni 1870 in Mittweida als uneheliche Tochter von Auguste Marie Andrä geboren. Im Alter von 18 Jahren kam sie nach Chemnitz, wo sie als Hausangestellte arbeitete. Nach ihrer Eheschließung 1899 mit dem Eisendreher Max Wagner, einem Witwer mit vier Kindern, war sie Hausfrau und Näherin in Heimarbeit.
Für die Verbesserung der beruflichen Bedingungen besonders von Frauen engagierte sich Helene Wagner im Deutschen Textilarbeiterverband und im Verband der Hausangestellten, dessen Chemnitzer Zweigstelle sie leitete. In der Frauenarbeit der SPD war sie lokal und überregional tätig, z. B. als Delegierte bei Parteitagen und Frauenkonferenzen sowie als Verfasserin einiger Artikel für die sozialdemokratische Frauenzeitung „Die Gleichheit“.
Ein weiteres Handlungsfeld wurde durch den 1. Weltkrieg bedingt: die ausreichende Versorgung der Bevölkerung mit bezahlbaren Lebensmitteln. Die Mitarbeit in einer Konsumgenossenschaft, im Kriegsausschuss für Konsumenteninteressen und in der Preisprüfungsstelle der Stadt Chemnitz nutzte sie, um den starken Preissteigerungen entgegenzutreten. 1916 wurde sie, als einzige Sächsin, in den Frauenbeirat des Kriegsernährungsamtes gewählt.
Am 19. März 1911, einem internationalen Aktionstag für das Frauenwahlrecht, sprach Helene Wagner in Leipzig vor mehr als 3000 Zuhörerinnen und forderte die Mitbestimmung von Frauen in allen Bereichen der Gesellschaft. Als dann Frauen 1919 erstmals kandidieren konnten, wurde Helene Wagner sowohl in die Sächsische Volkskammer als auch in die Chemnitzer Stadtverordnetenversammlung gewählt. Das Kommunalparlament verließ sie mit dem Ende der Wahlperiode im Dezember 1920, Landtagsabgeordnete hingegen blieb sie bis 1926.
Ihre Zeit im Sächsischen Landtag war geprägt von instabilen politischen Machtverhältnissen. Nach zwei gescheiterten Minderheitsregierungen entschied sich die Mehrheit der SPD-Abgeordneten, darunter Helene Wagner, im Januar 1924 gegen den Willen der sächsischen SPD für eine Koalition mit den bürgerlichen Parteien Deutsche Demokratische Partei und Deutsche Volkspartei. Die damit verbundenen Auseinandersetzungen mit der Landes-SPD mündeten im April 1926 im Parteiausschluss der betreffenden Abgeordneten. Die Mehrheit von ihnen gründete daraufhin die Alte Sozialdemokratische Partei Sachsens (ASPS), die sich 1932 auflöste, um sich wieder der SPD anzuschließen.
Helene Wagner kandidierte bei den Landtagswahlen 1926 erfolglos für die ASPS und schied daher aus dem Parlament aus.
Über ihr weiteres Leben ist wenig bekannt. „In den zwölf Jahren der Naziherrschaft hat sie es erleben müssen, wie alles, was sie in den vielen Jahren mit aufgebaut und geschaffen hatte wieder in Trümmer ging“, heißt es in einem Nachruf. Nach Kriegsende wollte sie beim Aufbau einer örtlichen SPD-Frauengruppe mithelfen. Dazu kam es nicht mehr. Helene Wagner starb am 21. Dezember 1945 in Chemnitz.
Autorin: Dr. Stephanie Pietsch
47. Frauenort in Chemnitz eingeweiht.
Im Rahmen von Kulturhauptstadt Chemnitz 2025 und anlässlich des 80. Todesjahres von Helene Wagner, wurde die Sozialdemokratin mit eine Gedenktafel geehrt. Am historischen Gebäude der heutigen SPD-Geschäftstelle in Chemnitz erinnert ab sofort eine Frauenorte-Tafel an die Lebensleistungen Helene Wagners. Die Einweihung wurde von Nicole Schieferdecker, Vorsitzende der AG Sozialdemokratischer Frauen, eröffnet. Die Vorsitzende des Landesfrauenrat Sachsen e.V., Dr. Jessica Bock, begrüßte ebenfalls alle Anwesenden und stellte den Landesfrauenrat Sachsen e.V. sowie das Projekt frauenorte sachsen vor. Einen umfassenden Überblick über die Biografie Helene Wagners ermöglichte Dr. Stephanie Pietsch. In ihrer Rede stellte sie die wichtigsten politischen sowie privaten Stationen Helene Wagners heraus. Zum Abschluss wurde mit einem kleinen Empfang auf die neue Tafel angestoßen. Mit Helene Wagner erhält Chemnitz bereits seinen fünften Frauenort.
Die Tafel ist ab sofort an der SPD-Geschäftsstelle, Dresdner Str. 38 in 09130 Chemnitz zu finden.
Pressestimmen: